Freitag, 15. April 2011

„Die sehen ja aus wie echt!“

„Die sehen ja aus wie echt!“, mit diesem Ausruf zitiert Tanja Busse in ihrem Buch „Die Ernährungsdikatur“ einen erstaunten Schuljungen, der auf einem Bauernhof erstmals Kartoffeln aus dem Boden zieht. „Die sehen ja aus wie echt“ – ein offensichtliches Verwechslungsspiel; was ist echt und was Replikat?

Schonmal vormerken: Tanja Busse hält am 8. Mai auf Entrup 119 einen spannenden Vortrag!

Seit den 80er Jahren findet ein zunehmend rasanter Entfremdungsprozess von den tatsächlichen Lebensmitteln statt, bei dem inzwischen mehr das Mindesthaltbarkeitsdatum zählt als Geschmack und innere Werte. In dem eine Plastiktüte mit der Aufschrift „Feinschmecker“ appetitanregend ist. Die Reduktion von Nahrungsmitteln – ich schreibe hier bewusst nicht von Lebensmitteln – auf Nährwerte, Vitamine und Mineralstoffe und das vermeintlich „gesunde“ führte in eine von der Nahrungsmittelindustrie mitverursachte ökologische und gesundheitliche Katastrophe.



Einer Milliarde hungernder Menschen steht eine Heerschar von 1,6 Milliarden übergewichtiger entgegen. Jedes Kind weiß heutzutage über die gesundheitlichen Vorzüge von Frühstückscerealien und futtert zugleich eine gefährliche Mixtur aus Mais, Zucker, Glukosesirup und der üblichen Palette der Zusatzstoffe von Emulgatoren, Antioxidationsmitteln, Säurungsmitteln, künstlich hinzugefügten Vitaminen und Eisen. Von Kindheit an geschmacklich abgerichtet auf Aromastoffe und Zucker wirkt plötzlich das natürliche ganz unnatürlich. Die echte Kartoffel wird zum Sonderfall, der butteraromatisierte Kartoffelbrei zum Standard. Dabei ist das Muster ganz klar: billigste, in Massen herstellbare und den Lebensmittelkonzernen Rendite versprechende Zutaten werden mit Emotion aufgeladen und via Supermarkt auf den Tisch gebracht – oder ans Sofa. Hierbei ist kein Platz für „kritische“ Produkte, die den Konsumenten zum Nachdenken bewegen. Fleisch mit der Aufschrift „ohne Gentechnik“ wird nicht gelistet. Verzichtet der Hersteller, kommt es ins Programm von Rewe, Aldi und Co.

Tanja Busse zeigt im Laufe des Buches eine Reihe von Zusammenhängen auf, die auf dem ersten Blick nicht offensichtlich sind. Warum müssen Menschen in Afrika hungern, wenn wir in der Mensa Hähnchenbrustfilet essen? Nicht in etwa, weil die Hühner so viele Körner fressen. Nein, weil ein Hähnchen eben nicht nur aus Brustfilet besteht, sondern auch Flügel und Beine hat. Die mag aber hier keiner essen – und so werden die „Hühnerreste“ nach Afrika verschifft und mangels Kühlkette halb aufgetaut auf den dortigen Märkten verkauft. Und das zu Preisen, die unter den afrikanischen Erzeugerpreisen liegen, die Hühner sind ja bereits über die teuren Hähnchenbrustfilet bezahlt. So braucht nicht einmal die EU ein schlechtes Gewissen zu haben, subventioniert haben in diesem Fall alleine wir Verbraucher.

Viele Beispiele aus dem Buch sind dem aufgeklärten CSA’ler sicherlich schon bekannt: die Zusammenhänge zwischen Fleischkonsum und Gen-Soja, die Tatsache, dass viele Länder der „Dritten Welt“ Nahrungsmittel exportieren müssen um ihre Schuldenlast zu begleichen, während dort zugleich die Menschen hungern, oder dass es unökologisch ist, im Frühling Äpfel aus Neuseeland zu kaufen. Aber in dieser geballten Zusammenstellung, unterstrichen mit wissenschaftlichen Erkenntnissen, historischen Rückblicken und immer wieder Verweisen auf den Weltagrarbericht ist dieses Buch mehr als lesenswert.

Gegen Ende des Buches macht Tanja Busse dann auch Mut und zeigt Alternativen auf. CSA ist eine. Eine in der wir bewusst den Schritt zur Ernährungssouveränität gehen. Wir wollen ein Stück aussteigen und mehr als nur gesunde Lebensmittel haben. Wir wollen verstehen. Verstehen wie die Zusammenhänge sind und einen Prozess unterstützen, der laut Weltagrarbericht notwendig ist, um künftig die Ernährung aller Menschen sicherzustellen: eine regionale, ökologische und multifunktionale Landwirtschaft.

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